Jungen Menschen Würde geben

Vor 200 Jahren wurde der Maristenorden gegründet. Was heißt Maristsein heute? Wie steht es um die Gemeinschaft in Mindelheim? Marzellin Champagnat gründete 1817 in Frankreich die Brüdergemeinschaft der Maristen. In rund 80 Ländern ist der Orden heute vertreten, seit Jahrzehnten auch in Mindelheim. Ein Gespräch mit Frater Michael Schmalzl.


Der Maristenorden besteht seit 200 Jahren. Frater Michael, ist Ihnen eigentlich nach Feiern zumute, wenn sie miterleben müssen, dass die Gemeinschaft in Mindelheim seit Jahren immer kleiner wird?

Frater Michael: Die Gemeinschaft wird kleiner und gleichzeitig auch älter. Unser Senior ist 90 Jahre alt. Dennoch bin ich sehr dankbar wenn ich zurückblicke auf das, was in Mindelheim und weltweit erreicht worden ist und geschieht.


Was ist die Idee der Maristen, das Besondere?

Frater Michael: Wir sind eine Gemeinschaft von Brüdern. Wir wollen junge Menschen christlich erziehen. Dies ist so aktuell wie damals nach der Französischen Revolution. Wir wollen jungen Menschen durch Bildung und eine christliche Erziehung befähigen, damit sie gut durchs Leben kommen, als solidarische Menschen in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen und sich auf den Weg zu Gott aufmachen.


Das ist eine Herausforderung, die so aktuell ist wie vor 200 Jahren. Wie sieht das Gemeinschaftsleben in der Kommunität in Mindelheim aus?

Frater Michael: Das ist sehr unspektakulär. Wir beten um 6.45 Uhr gemeinsam im Gebetraum. Dann frühstücken wir gemeinsam. Ich gehe dann in die Schule, wo ich Katholische Religionslehre und Werken unterrichte. Mittags essen wir gemeinsam. Die anderen Brüder sind im Ruhestand. Dann geht jeder wieder seinen eigenen Aktivitäten nach. Es folgen Abendgebet und Abendessen. Da sitzen wir oft lange zusammen und ratschen.



Die Mitglieder der Kommunität der Maristen Mindelheim, von links: Frater Heinrich Schamberger, Frater Michael Schmalzl, Frater Gaudentius Schmid, Frater Josef Hausknecht und Frater Augustin Hendlmeier.


Was passiert in diesem Jubiläumsjahr in Mindelheim? Das Maristenkolleg hat erst im Vorjahr 90-jähriges Bestehen gefeiert. Sie kommen aus dem Feiern ja gar nicht mehr heraus.

Frater Michael: Aus dem Grund haben wir das in Mindelheim etwas heruntergedreht. Wir haben uns vorgenommen, eine große Wallfahrt der Provinz zu unser Mutterkloster nach l’Hermitage bei Lyon zu machen. Das wird im August geschehen. Dazu kommen Brüder und Laienmaristen und aus Irland, Schottland, Belgien, Holland und Deutschland zusammen. Ein anderes Projekt in Deutschland wird sein, dass wir die vier Evangelien der Bibel auf die vier Maristenschulen in Cham, Furth/Landshut, Recklinghausen und Mindelheim aufteilen. Jede Schule gestaltet ein Evangelium. Damit entsteht sozusagen eine Maristenbibel im Jubiläumsjahr. Das Champagnatsfest wird sicherlich auch im Zeichen des Jubiläumsjahres stehen.


Erziehung und Werte sind ja Top-Themen in unserer Zeit oder sollten es sein. Welche Akzente vermögen die Maristen hier zu setzen?

Frater Michael: Die Maristenbrüder haben seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 60er Jahren erkannt, dass Maristsein nicht ausschließlich bedeutet, Ordensmann zu sein. Jeder und sogar ein Nicht-Christen könnte „Maristen“ sein. Wir sind z. B. in buddistischen Ländern oder in moslemischen wie in Aleppo in Syrien. Die meisten, die sich dort als Marist engagieren, sind Moslems. Für mich ist ein Marist derjenige, der Kinder und junge Menschen erziehen will, und sich dabei von Maria oder vom Hl. Marzellin Champagnat inspirieren lässt. Da haben wir Werte, die auch andere Religionen teilen können, wie zum Beispiel die Würde des Menschen, Achtsamkeit, Präsenz, Einfachheit, die Liebe zur Arbeit, Familiengeist und Solidarität.


Die Maristen sind weltweit aufgestellt. Wir erleben einen militanten Islam. Immer wieder werden Christen zur Zielscheibe von Terroristen. Geraten auch die Maristen ins Visier der Fanatiker?

Frater Michael: In bestimmten Ländern erschwert das sehr unsere Arbeit. In Pakistan zum Beispiel sind bei Bombenanschlägen in der Vergangenheit Schüler und Eltern unserer Schule ums Leben gekommen. Im moslemischen Teil der Philippinen gibt es eine Kommunität, die lebt auf dem Schulgelände, das hermetisch abgeschlossen ist. Wenn die Brüder am Sonntag zur Kirche gehen, werden sie von Soldaten eskortiert.


Trotzdem nehmen die Maristen das auf sich.

Frater Michael: Nicht jeder ist dazu bereit. Die breite muslimische Bevölkerungsschicht liebt und schätzt die Maristenbrüder. Das hält uns in diesen Ländern. Es gibt aber leider auch durchgeknallte Fanatiker.


Wir erleben ja noch eine andere Entwicklung: den Rückzug ins Nationale. Wie wirkt sich das auf die Arbeit der international ausgerichteten Maristen aus?

Frater Michael: Wir setzen bewusst internationale Kommunitäten als Gegengewicht. In Asien haben wir z. B. neue Kommunitäten nur als internationale gegründet. Wir gehen dorthin, wo sonst keiner hingeht. Das ist eine ganz konkrete Zeichensetzung. Wir versuchen das Nationale zu überwinden.



Das Bild von Marzellin Champagnat ist bei den Maristen weltweit allgegenwärtig. Vor 200 Jahren hat der Franzose den Orden gegründet mit dem Ziel, junge Menschen zu bilden und auf dem Weg zu Gott zu führen.


Diesen Geist vermitteln Sie auch jungen Menschen aus Mindelheim, die dann als Freiwillige in diesen Ländern wirken?

Frater Michael: Das ist ein Grund, warum wir vor drei Jahren mit dem Cmi-Freiwilligendienst angefangen haben. Wenn die Menschheit friedlich miteinander leben will, muss man konkret erfahren haben, wie andere Menschen denken und leben. Und man muss verstehen, dass unser Denken nicht das Maß aller Dinge ist.


Wie verändert ein solcher Aufenthalt die jungen Leute?

Frater Michael: Sie werden reifer und selbstständiger und reflektierter. Auch unseren Wohlstand sehen sie anders. Es ist nicht selbstverständlich, dass man einfach den Wasserhahn - sofern überhaupt vorhanden - aufdreht und es kommt trinkbares Wasser heraus. Sie schätzen dann mehr, was wir hier haben. Aber sie überdenken auch, warum es uns überhaupt so gut geht. Unser Wohlstand gründet sich zum Teil auf ein Wirtschaftssystem, das andere Länder klein hält. Wir produzieren zum Beispiel Hähnchen, weil wir die Flügel, Brust und die Schlegel brauchen. Das Restfleisch wird in afrikanischen Ländern verkauft und drückt den Marktpreis für Hühnerfleisch so stark, dass Bauern dort keine Chance mehr haben.


Wie geht es in Mindelheim weiter?

Frater Michael: Am 2. Januar feiern wir jedes Jahr die Gründung des Maristenordens. Heuer hatten wir dabei rund 60 Gäste. Ich würde sagen: Das waren alles Maristen. Das sind Lehrer, das ist unser Mesnerteam, das sind Jugendliche, die im Ausland waren, Pfarrer, Schulleitung. Sie sind alle Maristen im Sinne von: Wir wollen jungen Menschen auf den Weg helfen. Das Ordensleben, das ich vor 20 Jahren kennengelernt habe, geht zu Ende. Es wird aber anders weiter gehen in veränderten maristischen Gemeinschaftsformen. Mit dem Verkauf des Internatsgebäudes haben wir vereinbart, dass die Maristen einen Bereich des Gebäudes für Jugendarbeit erhalten. Dort werden wir ein Zentrum für Schul- und Jugendpastoral mit einem hauptamtlich angestellten Jugendarbeiter aufbauen.


Zeitungsbericht der MZ vom 11.01.2017, Autor: Johann Stoll
Artikel im Onlineangebot der Augsburger Allgemeinen
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