Abitur: Wir schaffen das!

Korbinian Knott redet erst gar nicht um den heißen Brei herum. Wenn er am Mittwoch in aller Früh um 5.30 Uhr an seiner Schule den Brief aus dem Kultusministerium öffnen darf und die Abituraufgaben in Mathematik vor ihm liegen, wird er nicht weniger gespannt sein wie später seine Schützlinge. Knott unterrichtet Mathematik und Sport am Maristenkolleg in Mindelheim. Er rechnet als Erster die Aufgaben durch. Nichts wäre schlimmer, als wenn da ein Fehler eingebaut wäre. Morgen beginnt auch sein Abitur. Es ist sein Erstes als Lehrer. Insgesamt 40.000 Abiturienten schreiben die Aufgaben.

Seine eigenen Abschlussprüfungen liegen zwölf Jahre zurück. Das Abitur hat er in Straubing abgelegt. Korbinian Knott sagt, er sei sogar ein kleines bisschen nervöser als damals. Schließlich will er – wie alle anderen Lehrkräfte auch –, dass seine Schützlinge möglichst gut abschneiden. Und Mathe ist ja nicht jedem in die Wiege gelegt. Dabei dürfte nichts schief gehen. Den Stoff hat Knott bereits seit Dezember durch. Seither wird wiederholt, geübt. Mehrmals hat er mit seinen Schülern Abiturprüfungen durchgespielt.

Vorigen Freitag kam es sogar zu einer Art Generalprobe. Vier Stunden lang schrieben Schüler an einer Abituraufgabe, die ihnen Knott probehalber gegeben hat. Alle haben da nicht mitgemacht. War eine freiwillige Sache. Ohnehin hat jeder so seine eigene Strategie, wie er sich optimal vorbereitet. Die einen fühlen sich in der Gruppe wohl, wo sie mehrere Wochen gemeinsam aufs Abi hin lernen. Andere ziehen sich lieber zurück und gehen den Stoff für sich noch einmal durch. Manche sind völlig entspannt. Das sind aber die Wenigsten.



Vier Lehrer des Maristenkollegs Mindelheim wünschen ihren Schülern alles Gute für das Abi
(v.l.): Stefan Pohle, Korbinian Knott, Julia Bolesch und Jochen Schuster.


Voriges Jahr erlebten Julia Bolesch und Jochen Schuster ihre Abi-Premiere als Lehrer. Bolesch gibt Französisch und Spanisch, Schuster Deutsch, Geschichte und Sozialkunde am Maristenkolleg. Bolesch hat ihr Abitur 2004 in Kaufbeuren abgelegt, Jochen Schuster ist ein Zögling des Maristenkollegs und hat 2001 sein Abi gemacht. Auch sie sagen, dass sie bei ihrer ersten großen Prüfung als Lehrer nervöser waren als noch als Schüler. Fallen die Noten schlecht aus, macht sich ein Lehrer automatisch Vorwürfe, er könnte den Stoff womöglich nicht gut genug vermittelt haben. Bei Jochen Schuster und seinen Schülern freilich war es mehr als perfekt gelaufen. Eine der Aufgaben in Deutsch betraf „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Gottfried Keller. Genau diesen Abschnitt hatte Schuster bereits ein Jahr zuvor in einer Schulaufgabe abgefragt. Zwei Drittel seiner Schüler wählten denn auch diesen Text – und schnitten gut bis sehr gut ab. In der Rückschau kommt ihnen allen das Abitur als gut machbare Hürde vor. An der Universität seien die Anforderungen viel höher, sagt Knott. Und doch ist erst einmal diese Hürde zu nehmen.

Jochen Schuster hat sich das Leben 2001 schwerer gemacht als nötig, und das aus Unkenntnis. Er hatte fleißig auf das Abitur hin gelernt. Allerdings war er der Meinung, es wäre eine gute Idee, den Stoff in Geschichte auf Hörkassetten zu sprechen. Der Aufwand war riesig. Bei ihm freilich war das der falsche Weg. „Ich bin ein optischer Lerntyp“, sagt er. Sein Abitur hat er trotzdem mit Bravour bestanden. Heute dürfte ein solcher Fehlgriff kaum noch passieren. Schon in der Unterstufe lernen die Kinder, dass es verschiedene Lernmethoden gibt. Jeder weiß also, wie er sich den Lernstoff für sich persönlich am besten aneignen kann.

Stefan Pohle gibt Wirtschaft und Recht, Wirtschaftsinformatik und Geografie. Er hat gute Erfahrungen damit gemacht, anderen den Stoff mündlich vorzutragen und so zu erklären. Pohle hat 1999 in Thüringen sein Abitur gemacht – schon damals übrigens nach acht Jahren am Gymnasium.

Er rät allen, möglichst ausgeruht in die Prüfungen zu gehen und sich schon am Tag davor keine Aufgaben mehr anzusehen. Julia Bolesch freilich meint, es könne beruhigen, wenn man noch einmal den Stoff durchgeht, mit dem man Schwierigkeiten hatte. Jochen Schuster wiederum findet, es bringe wenig, wenn man von Morgen bis Abend am Schreibtisch sitzt und lernt. Er hat es immer so gehalten, sich zu belohnen: Nach zwei Stunden Lernen gab es eine kurze Kaffeepause. Oder nach einer längeren Einheit auch mal einen kurzen Film. Am Abend vor der Abiturprüfung hat er einen Spaziergang unternommen. Richtig ist aber auch, dass nicht alle gleich gut mit Druck umgehen können.

Manche schieben regelrecht Panik, obwohl sie keinen Grund dafür haben. Je näher der Prüfungstermin heranrückt, desto mehr machen sie sich verrückt. Was wird drankommen, werde ich das können? Ganz schlimm, sagt Schuster, sei es, wenn Schüler noch kurz vor Beginn der Prüfung hektisch in Schulbüchern oder Aufzeichnungen blättern. Viel sinnvoller sei es, Ruhe zu bewahren. Seinen Prüflingen trichtert er vor allem eines ein: „Nehmt euch eine halbe Stunde Zeit und lest alle Aufgaben sorgfältig durch“. Erst dann sollen sie sich für eine Aufgabe entscheiden. Und dann hilft vielleicht auch simple Mathematik. Die Abiturprüfungen schlagen sich gerade mal mit 25 Prozent in der Endnote nieder. Wer also schon fleißig Punkte gesammelt hat, schafft das bisschen Abitur auch. Garantiert.


Zeitungsbericht der MZ vom 02.05.2017, Autor: Johann Stoll
Artikel im Onlineangebot der Augsburger Allgemeinen
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