Rede zur Reichskristallnacht

Vortrag vor den Schülerinnen und Schülern der Q11 und Q12 des Maristenkollegs Mindelheim anlässlich des 75jährigen Gedenkens an die „Reichskristallnacht“ 1938


Liebe Schülerinnen und Schüler,

frägt man in der Öffentlichkeit nach historischen Gedenkanlässen im November, stößt man oft auf Unsicherheit bzw. völliges Nichtwissen. Obwohl gerade der 8./9. November in der deutschen Geschichte besonders erinnerungsträchtig ist, ist eure Unsicherheit bezüglich des Ereignisses, dessen heute gedacht werden soll, durchaus repräsentativ. Zum Teil bekommt man Vorschläge wie „Tag der deutschen Einheit“ – aber der war ja wohl schon; andere Möglichkeiten , die in Frage kämen, wären etwa „Allerheiligen“ – das ist aber eher religiös als historisch – und dann kommt als schulfreier Tag auch noch der Buß- und Bettag in Frage. An den wurde aber bisher noch nie in Form einer eigenen Veranstaltung erinnert. Eine weitere nahe liegende Vermutung bei uns in Deutschland ist dann noch „irgend etwas aus dem Dritten Reich“. Daran wird bei uns - wie viele von euch denken mögen - ja permanent erinnert – mit zum Teil fast masochistisch anmutender Penetranz – und das, obwohl ihr selbst damit vermeintlich ja schon längst nichts mehr zu tun habt. Trotz aller Vorbehalte und Einschränkungen – der Zweck der heutigen Veranstaltung ist tatsächlich die Erinnerung an ein Ereignis aus dem Dritten Reich - an die sog. „Reichskristallnacht“, die heute ihr 75-jähriges „Jubiläum“ erlebt. Ihre Bedeutung ist bis in die Gegenwart aktuell, denn sie erinnert an das Thema der Neuzeit schlechthin – den Stellenwert und die Interpretation der Würde des Menschen.

Werfen wir zur Einordnung einen kurzen Blick auf die Ideengeschichte der Neuzeit: Nach unserem heutigen Verständnis beginnt die Neuzeit mit der Französischer Revolution von 1789. Zu deren Beginn wurde erstmals ein neues Welt- und Menschenbild in konkrete politische Verhältnisse umgesetzt. Abgelöst wurde damit das mittelalterliche Weltbild, das von einer vermeintlich gottgewollten Ständehierarchie mit Klerus und Adel an der Spitze ausging. Der Rest, die verbleibenden 98% der Gesamtbevölkerung, die Bürger und Bauern, waren dazu da, um erzogen und regiert zu werden. Sie hatten diese Ungleichheit als vermeintlich von Gott gewollte Ordnung zu respektieren und zu ertragen.

In Frage gestellt wurde dieses Weltbild aber schon im ausgehenden Mittelalter. Renaissance und Humanismus griffen auf antike Denkmuster zurück und stellten den Menschen, seine Vernunft und seine Bildung in den Mittelpunkt. Die Aufklärung im 17.und 18. Jhd. sollte dann jedem Menschen Vernunft zugestehen und die Fähigkeit, sich mit Hilfe dieser Vernunft selbst zu bestimmen und auch sein Umfeld „vernünftig“ zu gestalten. Wie bereits erwähnt, sollten in der Französischen Revolution mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte die neuen Ideen der Gleichheit, der Freiheit jedes Menschen und die Würde jeder Einzelperson erstmals politisch realisiert werden.

Auch wenn die Revolution in einer Schreckensphase endete – die Faszination dieser Ideen blieb und sollte dazu führen, dass sie sich im 19. Jhd. immer weiter verbreiteten. Allerdings waren ihre Ausbreitung und ihre Durchsetzung kein politischer Selbstläufer. Die Konservativen hielten nach wie vor an der Idee der gottgewollten Ungleichheit und an obrigkeitsstaatlichem Denken fest. Auch Klerus und Kirche hatten oft erhebliche Probleme, sich mit diesen Ideen anzufreunden, zumal sie ja auch einen erheblichen eigenen Machtverlust bedeuteten. Nicht zuletzt weckte auch die Schreckensherrschaft in der Endphase der Revolution bei vielen erhebliche Zweifel daran, ob man den Glauben an die Vernunft aller Menschen und ihre Leistungsfähigkeit nicht generell übertrieben hatte. Dennoch sorgte vor allem das liberale Bürgertum dafür, dass die neuen Ideen immer mehr politischen Einfluss bekamen. Konkret entwickelt und umgesetzt wurde z. B. die Idee des Rechtsstaates, nach der staatliche Gewalt beschränkt wurde und nur noch das tun durfte, was ihr die Gesetze, die von einem bürgerlichen Parlament erlassen wurden, erlaubte. Immer weitere Verbreitung fand die Idee der Volkssouveränität und die demokratische Staatsform, in der mündige Bürger bestimmten, was im Staat Recht und Unrecht ist und was wie gestaltet wird. Zu nennen sind außerdem Prinzipien wie Toleranz und Pluralismus. Sie gehen davon aus, dass in jeder Meinung ein relativer Wahrheitsgehalt enthalten sei und fordern als Konsequenz den Wettkampf aller Interessen, um das Gemeinwohl erarbeiten zu können. Nicht zuletzt muss auch noch die Idee des Sozialstaates genannt werden, die gegenseitige Unterstützung und staatliche Hilfe für Schwache einfordert und heute in einer sehr umfassenden Vorstellung von Chancengleichheit ihren Ausdruck findet.

Dieses neue Denken stand jedoch nicht nur im Spannungsverhältnis zu traditionellen Denkmustern. Ein weiterer - diesmal moderner - Konkurrent trat in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer neuen revolutionären Weltsicht auf den Plan – der Darwinismus. Seine Kernvorstellungen bestanden darin, dass die Entwicklung des Lebens ein ständiger Ausleseprozess sei, in dem nur die Anpassungsfähigsten überlebten. Kampf und Selektion seien daher natürliche Abläufe im Evolutionsprozess. Die Übertragung dieser Denkmuster Darwins auf Menschen führte in der Konsequenz dann zum Rassedenken – einer modernen Wiederbelebung der Ungleichheitsidee, aber mit viel radikaleren Konsequenzen als der mittelalterliche Vorläufer sie kannte. Dieses neue Rassedenken sollte keine deutsche „Spezialität“ bleiben - im Imperialismus finden wir es auch bei anderen Nationen. Unsere deutsche Besonderheit bestand darin, dass mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 eine besonders aggressive Variante des Rassedenkens mit einer bald uneingeschränkten politischen Macht verbunden wurde, was besonders radikale Umsetzungsmöglichkeiten eröffnete. Tatsächlich verstand sich die NS-Bewegung kulturgeschichtlich selbst als Korrektur des Menschenbildes der Aufklärung und der Französischen Revolution. Sie verfolgte letztlich das Ziel, diese – in ihren Augen fremden und falschen - Ideale der Französischen Revolution rückgängig zu machen und sie durch eine angemessene neue Ordnung zu ersetzen. Gemeint war damit die Weltherrschaft der Arier, ein Staat, in dem das Führerprinzip galt, die Zusammenfassung und Unterordnung einzelner Individuen in einer Volksgemeinschaft und die innen- und außenpolitische Durchsetzung dieser Ideale mit Gewalt.

Die allmähliche Ausgestaltung im Dritten Reich ist allgemeiner bekannt. Sie begann mit einer Phase von Diskriminierung und Boykott, setzte sich fort in einer allmählichen Verdrängung von „Rassefremden“ aus wichtigen Berufsbereichen mit dem Höhepunkt der Nürnberger Gesetze. In diesen wurden unterschiedliche Rechte der jüdischen Staatsangehörigen und der deutschen Reichsbürger festgesetzt, und außerdem begann mit ihnen eine „biologischen Trennung“ zur „Reinerhaltung der Rassen“. Unterbrochen wurde dieser Prozess nur kurz während der Olympischen Spiele 1936, um dem Ausland gegenüber ein beschönigtes Bild von Deutschland vermitteln zu können. Fortgesetzt und gesteigert wurde der Ausgrenzungs- und Unterdrückungsprozess unmittelbar nach ihrem Ende mit einem ersten Höhepunkt 1938, eben der von den Nationalsozialisten so bezeichneten „ Reichskristallnacht“.

Was geschah in dieser Nacht? In dieser Nacht vom 9./10 November 1938 kam es zu von Reichspropagandaminister Goebbels geplanten und organisierten und von der SA angeführten „spontanen“ Ausschreitungen zahlreicher Deutscher gegen die Juden. Das Ergebnis waren 91 Morde, die Zerstörungen bzw. schwere Beschädigungen von jüdischen Wohnungen und über 7000 Geschäften und fast aller Synagogen durch die SA und aufgehetzte Jugendliche. Kurz darauf wurde jüdisches Eigentum beschlagnahmt, wurde eine Sondersteuer für Juden von 1 Milliarde Reichsmark erhoben, und letztlich wurden die Juden aus dem Wirtschaftsleben verdrängt.

Diese Vorgänge offenbarten dreierlei. Zum einen wurde der Vernichtungswille des NS-Regimes jetzt unverhüllt und offen demonstriert. Außerdem wurde mit einer bisher nicht bekannten Deutlichkeit das Ausmaß der Rechtlosigkeit der Juden in Deutschland völlig offen gezeigt. Zuletzt machten diese Vorgänge aber auch deutlich, dass der weitaus überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung auch in Zukunft bei Mord und Unrecht passiv bleiben und somit weitere Exzesse ermöglichen wird.

Die Folgen sind bekannt. Der Holocaust ist zweifelsfrei Bestandteil unserer historischen Identität und bestimmt bis heute die internationale Wahrnehmung der Deutschen mehr oder weniger stark mit. Fakt ist sicher auch, dass die jüngsten Generationen keine unmittelbare Schuld mehr an diesen Vorgängen tragen. Dennoch sind sie nicht frei von Verantwortung und Konsequenzen. Dadurch, dass der Holocaust Bestandteil unserer Geschichte war, sind wir auch in Zukunft zu einer erhöhten Sensibilität für alle Anfänge von Entwicklungen verpflichtet, die wieder zu Diskriminierung, Verfolgung und dem Mord an gesellschaftlichen Gruppen führen könnten. Dies ist die eigentliche zeitlose Bedeutung der heutigen Gedenkfeier.

Die gegenwärtige Kultur v. a. in BRD, aber auch in vielen anderen westlichen Staaten, ist geprägt durch Bemühungen, eine Wiederholung derartiger Vorgänge zu vermeiden. Wir haben in unserem Grundgesetz deshalb die Würde jedes Einzelmenschen ganz bewusst an den Anfang unserer Verfassung gestellt. Laut dem Grundgesetz ist nicht mehr der Einzelmensch dem Staat, sondern der Staat dem Menschen untergeordnet - hat dem Einzelmenschen gegenüber also eine dienende Funktion. Außerdem kennen wir ein Verbot von jeglicher Form von Unterdrückung und Diskriminierung. Diese Zielsetzung des Grundgesetzes und der bisherige Respekt davor haben uns in der Geschichte der Bundesrepublik eine bis heute einzigartige Phase von Freiheit, Frieden, Respekt und einem hohen Ausmaß an Selbstbestimmung ermöglicht. Andererseits sind staatliche Regelungen allein nie ausreichend bzw. eine Garantie dafür, dass dies auch in Zukunft gewährleistet sein wird. Jegliches Unrecht bedingt immer zwei Akteure: verbrecherische Elemente, die es anstreben, und eine schweigende Masse, die es zulässt. Und damit sind wir beim eigentlichen Zweck des heutigen Gedenkens. Es geht darum, wieder einmal die Sensibilität zu schärfen und vor Passivität zu warnen, um nicht irgendwann selbst zu Opfern von Ausgrenzung, Unrecht, Gewalt und Vernichtung zu werden. „Wehret den Anfängen!“ ist eine dauerhafte Verpflichtung, zu der die „Reichskristallnacht“ auch heute noch aufruft.


Dr. Peter Sobczyk

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