Geschichte des Maristenkollegs

Vom Mühlweg zum Champagnatplatz – kleine Geschichte des Maristenkollegs

Manchmal hat große Not auch ihr Gutes. Anders wäre wohl die Kleinstadt Mindelheim im Voralpenland, gelegen zwischen Memmingen und Kaufbeuren, nicht zu einem Gymnasium gekommen. Jedenfalls nicht zu so einem, wie man annehmen darf und muss. Die Stadt hatte sich übernommen und sah sich im Jahr 1924 mit den Folgen der Hyperinflation, die in der Provinz noch stärker zu spüren war als in den Städten, nicht mehr in der Lage, ihr 1923 begonnenes Altenheim oder „Bürgerhaus“ fertigzustellen. Es blieb unklar, was mit dem Rohbau geschehen sollte. Diese „Investitionsruine“ suchte ihre Bestimmung.



Das geplante Altenheim der Stadt Mindelheim im Bau 1923



Zeugnis der Inflation: 20 Millionen Mark Papiergeld mit dem geplanten Altenheim


Fast zeitgleich verloren die Maristen-Schulbrüder ihre Heimstatt in Stein an der Traun und suchten eine neue Wirkungsstätte mit einem Zuhause für das Juvenat. Da bot sich die ungeklärte Situation in Mindelheim an, um hier eine Realschule einzurichten, besonders aber auch zum Wohl der Jugend des Ortes und der Umgebung.



Das fertiggestellte ehemalige Altenheim als Ort des neuen Wirkens 1926


Schon am 16. April 1926 wurde die Private Realschule der Maristen im Mühlweg 34 mit 98 Schülern eröffnet. Offenkundig mit viel Liebe und Sachverstand geführt, bewährte sich diese neue Schule auch unter den strengen Augen des Staates. Bereits am 14. Februar 1927 stand eine Beförderung an: Eine sechsstufige Lateinabteilung sollte angegliedert werden. Das bedeutete, dass aus der Realschule ein Progymnasium werden durfte.



Lehrmittelsammlung der Fachschaft Biologie 1930




Musikgruppe im Musiksaal 1930


Die Keimzelle für das heutige Maristenkolleg mit Realschule und Gymnasium war gelegt. Mit Eifer begannen die Maristen-Schulbrüder, die neue Schulform mit Leben zu erfüllen, und bereits im März 1936 fand die erste Abschlussprüfung am Progymnasium statt.

Doch auch Mindelheim stand nicht außerhalb der Geschichte. Der antichristliche Charakter, den das seit 1933 im Deutschen Reich und damit auch in Bayern herrschende Regime hatte, wollte sich totalitär durchsetzen, gerade auch im Bildungssektor. Mit dem 26.12.1936, wohl absichtlich zu Weihnachten, untersagte das Bayerische Ministerium für Unterricht und Kultus allen Ordensleuten, Schulunterricht zu erteilen, also auch den Maristen. Diese konnten nur noch einen Vertrag mit der Stadt aushandeln, in dem Mindelheim die Schule pachtete. Für den Fall aber, dass besagter ministerieller Erlass zurückgenommen werden würde, wären die Maristen-Schulbrüder wieder Träger der Schule geworden.

Die neuen Herren der Schule bauten diese zu einer sogenannten „Vollanstalt“ aus und im Jahr 1939 wurde die Schule in Städtische Oberrealschule mit Gymnasium umbenannt. Wenig Schulisches ist aus diesen Jahren zu berichten: Schon im September 1939 wird das Schülerheim für militärische Zwecke beschlagnahmt, geschlossen dann 1943. Das Schulgebäude wird als Lazarett umgewidmet, Unterricht findet so gut wie kaum noch statt. In den Jahren 1942 – 1944 fallen alle Reifeprüfungen aus. Am 10. Februar 1945 muss die Schule dann ganz geräumt werden. Ein Reserve-Lazarett für Kiefer- und Gesichtsverletzte zieht ein. Am 26. April 1945 besetzen die Amerikaner die Stadt. Insgesamt waren 145 Schüler und Lehrer der Schule gefallen oder vermisst.



Die Maristen-Schulbrüder als Selbstversorger: Kilis Hasenzucht


Die Maristen hatten ihre Schule nie aus den Augen verloren und schon am 29. September 1945 baten sie die Stadt Mindelheim um Rückgabe der Schule, was allerdings nicht ohne weiteres möglich war, denn wohin mit den Schwerverletzten im Lazarett? Provisorische Schulräume waren die Lösung: In der Maximilianstraße 60 fanden sich fünf Räume zum Schichtunterricht für 370 Schüler unter dem ersten Oberstudiendirektor nach dem Krieg, Frater Dr. Anton Metzger.



Frater Dr. Anton J. Metzger, erster Schulleiter nach dem Zweiten Weltkrieg


Der „Mühlweg 34“, das angestammte Schulgebäude, wurde dann doch glücklicherweise wieder frei. Im September 1946 konnte es seiner geplanten Nutzung als „TBC-Krankenhaus für Schwaben" entgehen. Allein an dieser Idee sieht man die Not der Zeit: Raum war knapp – Prioritäten mussten gewichtet werden. Die Entscheidung fiel zugunsten der Bildung, bestimmt auch in der Hoffnung auf zukünftige Generationen.

Die weitere Geschichte unseres Maristenkollegs liest sich dann wie eine Erfolgsgeschichte, deren Ende bei weitem nicht absehbar ist:

1949 verlässt ein außergewöhnlicher Abiturjahrgang das Maristenkolleg. Die Mädchen, die unter der Naziherrschaft die Schule besucht hatten, durften bis zum Abitur auf der Schule bleiben, die eigentlich nur für Jungen gedacht war. Hier zeigte sich wieder einmal, dass den Maristen-Schulbrüdern stets das Wohl jedes Schülers und in diesem speziellen Fall eben auch jeder Schülerin am Herzen lag.



Der Abiturjahrgang von 1949 – mit weiblichen Abiturientinnen


1950 konnte die eigene Studienkirche eingeweiht werden. Nun hatte man auch den so lange ersehnten geistlichen Mittelpunkt, jeden neuen „Tag des Herrn“ mit einem Gottesdienst beginnen zu können.



Ansicht des alten Mühlenweges ohne die heutigen Schulgebäude




Das Schulgebäude mit der neuen Studienkirche im Jahre 1954


Aber Raum war immer noch knapp. Dies lag nicht allein am Zuzug neuer Bürger nach Mindelheim, sondern der hervorragende Ruf von Internat und Schule sorgte dafür, dass Platz geschaffen werden musste. Die Stadt zeigte sich sehr aufgeschlossen und übertrug ein Gelände „auf der Nattererwiese“ gegenüber des angestammten Gebäudes an die Maristen-Schulbrüder. Der damals erstellte Neubau ist noch heute der Haupttrakt des Maristenkollegs, das 1965 wieder einen neuen Namen erhielt: Maristen-Oberrealschule mit Realgymnasium und grundständiger Mittelschule.



Der Neubau der Oberrealschule der Maristen-Schulbrüder 1961


Die Bedeutung der Schule lässt sich nunmehr an einer Adressenänderung ablesen: Aus dem Mühlweg wurde zum 19. Juli 1967 der Champagnatplatz 1, das Internat als ehemaliges Schulgebäude erhielt die Hausnummern Champagnatplatz 2 und 4. Ein eigener Stadtteil der Maristen in Mindelheim hatte zu wachsen begonnen. Schon aus der Luft betrachtet nimmt das Gelände des Maristenkollegs heute eine beträchtliche Fläche des Stadtgebietes von Mindelheim ein, kamen doch im Laufe der Jahrzehnte bis heute noch einige Großbauten hinzu: Erweiterung des Hauptgebäudes zu einem Viereck (1973), Fachtrakt (1977), Dreifachturnhalle (1978) und 1994 der Erweiterungsbau, der das Geviert zwischen Bahnlinie und Champagnatplatz endgültig ausfüllte.



Das Maristenkolleg 1962, noch ohne Dreifachturnhalle, Fachtrakt und Erweiterungsbau



Das Maristenkolleg um 1990, vor der Errichtung des Erweiterungsbaus


Wie weitsichtig und modern die Maristen-Schulbrüder unter dem neuen Schulleiter Frater Lorenz Zucker (1967) hierbei immer dachten, lässt sich aber auch an Folgendem ablesen: Bereits 1969 wurde ein Tagesheim eingeführt mit einer Klasse in Nachmittagsbetreuung! Dinge, über die man erst 40 Jahre später in der Schulpolitik Bayerns zu diskutieren begann.



Sportfest 1963


Als man 1973 das Mauritia-Febronia-Gymnasium in Mindelheim übernahm, kamen auch Mädchen als Schülerinnen an das Maristenkolleg. Dies geschah unter der Ägide des neuen Oberstudiendirektors und Schulleiters Frater Ludwig Spitzer, dem „Oberbaurat“ des Maristenkollegs. Er ist es, der die großen Baumaßnahmen der Jahre 1973, 1977 und 1978 verantwortete. In seiner Ära wuchs die Schule - seit 1985 Maristenkolleg Mindelheim - Gymnasium und Realschule - wie nie zuvor. Über 2000 Schülerinnen und Schüler brauchten ihren Raum. So war die Schule für das 21. Jahrhundert gerüstet. Dieses Ziel hatte Frater Ludwig geradezu visionär verfolgt.

Von 1993 bis 2009 leitete Oberstudiendirektor Franz Filser das Maristenkolleg. Unter seiner Leitung geht der Erweiterungsbau mit Klassen- und Fachräumen in Betrieb, dazu kommen Tagesheim, eine modern ausgestattete Mensa und ein geistliches Zentrum mit Meditationsraum und Kapelle. Letztlich war so schon die Basis geschaffen worden für die Anforderungen der Gegenwart, die im Zuge des G8 erhöhten Bedarf an ganztägiger Schulkapazität bedeuteten.



Das Maristenkolleg in seiner heutigen Form ab 1994


Das Maristenkolleg und die Stadt Mindelheim zusammen mit dem Schulwerk der Diözese Augsburg, zu dem die Schule seit 1995 gehört, arbeiten nunmehr seit fast einem Jahrhundert zum Wohle der Schülerinnen und Schüler in Mindelheim und Umgebung. Man könnte es auch das maristische Jahrhundert von Mindelheim nennen.

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